In dem einwöchigen Workshop „Typeface as history“ stellte Daniel van der Velden uns die Aufgabe, die Elemente einer neuen Schrift zu konzipieren und zu visualisieren, die entweder Geschichte geschrieben hat oder mit der die Geschichte aufgeschrieben wurde. Hauptaugenmerk sollte nicht auf den formalen Aspekten der Buchstaben, sondern ihrer Beziehung zur Gesellschaft, der Politik und der Geschichte liegen.
Entstanden sind unter anderem die beiden Schriften Nazens und Greetings von Marko Grewe.

NAZENS – Die Schrift verbietet das Wort
Die Nazens ist weniger eine praktisch zu benutzende Computerschrift als vielmehr eine Stellungnahme zur Zensur und zur Beschneidung des Vokabulars. Als Grundlage dienten die Lettern einer Frakturschrift von Rudolf Koch aus den 1930er Jahren. Marko Grewe erweiterte die Zeichenanzahl um je eine zensierte Version. Durch Programmierung in den Ligaturfeatures werden ausgewählte Zeichenkombinationen durch ihre zensierten Pendants ausgetauscht. Die Nazens kreidet die in dem Buch “Vokabular des Nationalsozialismus” von Cornelia Schmitz-Berning beschriebenen Wörter und einige weitere Wortgruppen an. Diese ungewöhnliche Benutzung der programmierten Bestandteile einer Schrift macht es fast unmöglich mit der Nazens national-sozialistisch vorbelastete Begriffe zu tippen. Dass dieser Zensur auch so manches harmlose Wort zum Opfer fällt, stört die Nazens nicht.
Dieser Schrift liegt eine Idee zu Grunde – „Die Schrift verbietet das Wort“. Anlass gab ein Kommentar des EU-Kommissars für Justiz und Sicherheit Franco Frattini, der im September 2007 laut der Nachrichten Agentur Reuters gesagt hat, dass er zusammen mit der Privatwirtschaft untersuchen wolle, wie technisch verhindert werden kannn, dass Menschen „gefährliche Worte“ wie beispielsweise „Bombe“ (bomb), „töten“ (kill), „Völkermord“ (genocide) oder „Terrorismus“ (terrorism) im Internet nutzen oder nach diesen suchen. (siehe reuters.com)

GREETINGS
Grüße auf der Wand an die Retter, die Feinde, die Fremden, die Welt. Bilder von Graffiti im Irak mit lateinischen Buchstaben sind die Quelle der Zeichen, orthografische Kuriositäten inbegriffen.
Eine ausgiebige Internetrecherche nach Graffitifotos aus dem Irak mit Parolen in lateinischen Buchstaben, geschrieben von Menschen, deren Muttersprache höchstwahrscheinlich Arabisch ist, war der Beginn der Arbeit zu dieser Schrift. Es gibt Berichte von irakischen Kindern, die beauftragt werden, nachts mit einer Spraydose die Zeichen von einem Blatt Papier auf die Hauswand zu übertragen. Verständlich, dass es dabei zu merkwürdig anmutenden Buchstaben kommen kann. Man stelle sich zum Vergleich einen Europäer vor, der arabische Schriftzeichen unter diesen Umständen abschreiben soll. Die Buchstaben aus dem Foto wurden von Marko Grewe eins zu eins kopiert und ergeben die Zeichenpalette der Greetings.